„Grenzerfahrungen“ und neue Entscheidungen

Unser gutes altes Navi hatte sich das Motto „Circus Roots“ (Wurzeln) sehr zu Herzen genommen und uns kurzerhand über den Wurzenpass nach Slowenien geschickt. 18% Steigung, erster Gang und eine Kühlpause für Grannys heiß gelaufenen Motor.


Slowenien ist wohl für seine Natur bekannt und warum das so ist haben wir auch schnell verstanden. Ein Freund von Robert hatte uns die Koordinaten für einen Wasserfall geschickt. Da wollten wir hin. Allerdings ist es gar nicht so einfach in Slowenien wild zu campen. Durch die Gegend zu fahren ebenso wenig, wenn man sich, so wie wir, die 15€ für eine Vingnette sparen will. Aber der liebe Gott hat ein kleines und überschaubares Land aus diesem Fleckchen Erde gemacht und so hat sich unsere Granny durch kleine verschlafene Ortschaften gewunden und schlussendlich haben wir einen Parkplatz am Flussufer gefunden. Von hier aus ging es dann zu Fuß über wunderschöne weiße Kieswege und durch grüne Wälder zum Wasserfall.

Aber Slowenien kann nicht nur Natur, Berge und Tritratrallala sondern auch Stadtleben. Auf nach Ljubljana. Zusammen mit Tim, einem Kumpel aus Roberts Erasmuszeit in Girona haben wir die Stadt unter die Lupe genommen.

Schön ist es schon, aber ganz besonders und einzigartig ist ein bestimmter Ort auf einem alten Militärgelände: Metelkova. Nach Turin also schon das zweite Militärgelände das Platz für die alternative Szene machen muss. Hier haben Skater, Hip Hopper, Alternative oder wie man sich ansonsten noch bezeichnen will, einen Ort geschaffen an dem der Kreativität und Gestaltungskraft keine Grenzen gesetzt sind. Hier gibt es sogar zwei Hostels und drei Nachtclubs. Das besonders Besondere war aber für uns, dass es hier in „Metelkova City“ keinen gibt, der das alles steuern würde oder Verantwortung übernimmt und trotz alledem ist es hier sauber, Junkiefrei und offen für jeden Besucher. Sogar die Stadt hat Räumungsversuche auf diesem Gelände aufgegeben. Einen Ort muss es ja geben für anpassungsunfähige Hippies.

Durch den Dauerregen ab dem zweiten Tag in Ljubljana sind Straßenshows für uns ins Wasser gefallen. So haben wir uns dazu berufen gefühlt Tims Familie beim Umzug zu helfen. Eine wirklich tolle Familie. Trotz Umzugsstress und Großbaustelle wurden wir herzlich aufgenommen und durften zwischen Presslufthammern und herausgerissenen Rohren duschen, kochen und ins Internet. Wir haben uns schnell aneinander gewöhnt und haben Tim, seine Eltern und Shya mit der kalten Schnauze ins Herz geschlossen.

Dann ging es weiter nach Kroatien. Meine Mutter und ihr Mann Lou wollten uns dort treffen um uns feierlich die sehnlichst erwarteten Kreditkarten, Roberts Feuerkeulen und einen Fahrradständer überreichen. Ein Fahrrad allerdings brauchen wir noch. Plötzlich war aber wieder alles anders, da meine Mutter in Deutschland spontan operiert werden musste und so war nicht mehr sicher, ob und wann sie überhaupt kommen würde. Wir suchten uns also auf der Landkarte einen kleinen Hafen in Kroatien am Meer heraus um dort abzuwarten, was passieren würde.
Und dann kam die Grenze. Wir wurden zur Seite gewunken. Trotz der bösen Blicke der schneemannkalten Beamten und der Drohung mit Drogenspürhunden versuchte ich ruhig zu bleiben. Für mich der blanke Horror. Eine blonde eiserne Lady durchsuchte also unsere Granny. Hätte sie wirklich einen Drogenspürhund gehabt, hätte sie sich das wohl nicht angetan. Aber sie wurde fündig. Zwar stießen die Beamten nicht auf die 100 Kilo Kokain, die sie sich allem Anschein nach erhofft hatten, aber immerhin: eine kleine Dose Pfefferspray. Ich hatte völlig vergessen, dass wir so etwas dabei hatten. Dieses Zeug hatte ich vor langer Zeit einmal geschenkt bekommen und hatte es nur dabei, weil es doch zu schade war, um es wegzuschmeißen.
„Dafür müssen sie Strafe zahlen!“ hatte die eiserne Lady mit kaltem Blick zu mir auf Englisch gesagt. Ich nickte nur und hoffte, dass es schnell vorbei sein würde. Die paar Euro waren jetzt auch egal. Vergeblich gehofft. Die eiserne Lady packte, umringt von zwei mit den Fingern knackenden Schneemännern in Zolluniform, ihren Kugelschreiber aus und gab mir mit tiefgefrorener Stimme zu verstehen, dass die illegale Einfuhr eines Pfeffersprays 3000 Kuna kosten würde. Aber nur wenn ich jetzt gleich bezahlen würde. Ansonsten 4000 Kuna. Aus Indien wusste ich noch, dass solche Summen erst einmal gar nichts schlechtes heißen müssen. Es kommt ganz auf die Umrechnung an.
„Wie viel € sind das etwa?“ hatte ich gefragt.
Und als Antwort hauchte mir die eiserne Lady einen eiskalten Windsturm ins Gesicht: „300“.
Ok, ok, ich bin ehrlich und wer mich kennt, der weiß sowieso, was als nächstes passiert ist. Ich habe geheult. So viel Kälte, Ungerechtigkeit und Geldverlust auf einmal. Zu viel für mein System. Nachdem ich unter Tränen versucht hatte irgendwelche blöden Formulare auszufüllen, Robert mich zu trösten versucht hatte und die beiden Schneemänner noch eine Weile mit ihren Schneemannfingern in der Gegend herumgeknackst hatten, wurde es dem Oberschneemann zu tränenreich und salzig. Selbst der kälteste Schneemann schmilzt bei so vielen salzigen Tränen. Ein paar vereiste aber scheinbar erwärmende Blicke wurden zwischen den Herrschern über das kältereiche Zollamt ausgetauscht.
„Ok. We forgive you!“ Hatte die eiserne Lady schlussendlich herübergehaucht.
Mit wackeligen Knien und Rotznase stiegen wir zurück in unsere verwüstete Granny und machten, dass wir wegkamen. Das Pfefferspray musste Robert eigenhändig in den Mülleimer der Zollbeamten verfrachten. Für uns ging es das erste Mal auf dieser Reise ans Meer.

Kroatien selbst war ein kurzes Vergnügen. Nach einer Nacht am Hafen und Rücksprache mit meiner Mutter ging es für uns zurück nach Italien. 100 km in die falsche Richtung. Wir fühlten uns, als würden wir im Kreis fahren. Aber wir wollten die beiden gerne treffen und brauchten dringen die Feuerfackeln und Kreditkarten.

Einen Vorzug bringt der Dauerregen: Mundraub wird möglich. (Alles nur von öffentlichen Wegen, ehrlich) 🙂

Neben Mundraub und Städtetour wurde für uns aber etwas anderes deutlich und an dieser Stelle möchte ich gerne eine Lebensweisheit anführen, die weiser nicht sein könnte:

Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt.

Erstens: Die letzten Monate hatten wir immer davon gesprochen in den Osten zu fahren.
Zweitens: Wir sind jetzt auf dem Weg nach Marokko.

In Triest hatten wir wieder einmal bei Dauerregen zusammen mit meiner Mutter in unserer Granny gesessen und viel überlegt und diskutiert. Für uns hatte die Reise vor ein paar Wochen in Frankreich angefangen, also nicht in Richtung Osten. Dann hatten wir uns mit Roberts Eltern in den Dolomiten getroffen. Wieder ein großer Umweg, wieder nicht so richtig Osten. Dann das Warten auf meine Mutter und Lou und sogar der Rückweg nach Italien. Dieser Osten schien einfach nicht für uns bereit zu sein. Zudem würde es im Osten in den nächsten Wochen immer kälter werden. Wir würden uns irgendwo ein Zimmer und eine Arbeit für ein paar Monate suchen müssen. Unsere Granny ist nicht Wintertauglich. Und wozu haben wir sie, wenn wir gleich die ersten Monate dieser Reise in einem Haus wohnen. Wir hätten sie unterstellen müssen. In Marokko ist das anders. Da können wir auch im Winter mobil sein, Reisen, Arbeiten und viel draußen leben. Und da wir viel von dieser Welt entdecken möchten ist es ohnehin egal, wo wir beginnen. Für uns war diese Entscheidung nicht leicht aber nun da wir sie getroffen haben sind wir auch stolz auf uns. Immer schön flexibel bleiben. Überwintern in Afrika klingt für uns jetzt also erst einmal nach einem guten Plan.
Doch bevor es auf den nächsten Kontinent geht, kommen mal wieder bürokratische Hürden auf uns zu, da die Versicherung für unsere Granny nicht in Marokko gilt und wir mit unserem Saisonkennzeichen wahrscheinlich nicht außerhalb der Saison in Marokko fahren dürfen. Wir müssen also irgendwie in den nächsten Wochen an ein normales Kennzeichen kommen und dann eine Grenzpolice mit einer marokkanischen Versicherung abschließen. Hallo Welt, dafür liebe ich dich. Es lebe die Bürokratie und alle Grenzbeamten dieser Erde.

An jeder Grenze und für jede bürokratische Angelegenheit gibt es eine Obergans unter kleinen Entchen. Vielleicht hilft uns das, beim nächsten Mal mit mehr Humor an die Sache zu gehen und das ganze herumgeschnattere um belanglose Vorschriften nicht zu ernst zu nehmen… 🙂

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