Catalunya -Independencia

Ausgerechnet am Abend der schier unmöglichen Wahlen erreichen wir Girona. Unabhängigkeit also. Eigentlich ein tolles Ziel. Andererseits: Braucht diese Welt wirklich noch mehr Grenzen?

Als wir in der Stadt ankommen stehen überall die gepanzerten Einsatzfahrzeuge der spanischen Polizei. Uniformierte und bewaffnete Polizisten starren uns grimmig unter ihren behelmten Köpfen heraus an. Wir treffen Dani, einen Freund, den Robert hier während seiner Erasmuszeit in Girona kennengelernt hat. Natürlich sind die Wahlen sofort Thema. Auf dem Weg zu seiner Wohnung erkennen wir, dass sich fast jedes Fenster in der kleinen Altstadt mit den Gelb-Rot gestreiften Fahnen und dem Weißen Stern auf blauem Hintergrund schmückt. Wer keine Flagge zeigt, hat meist eine plakatierte Sprechblase „Qui“, „Ja zur Unabhängigkeit“ über die kleinen Balkongeländer der alten hohen Häuser geworfen. Die Mehrheit scheint sich einig.

Abgesehen von der Polizei und den Flaggen geht das Leben aber für einige Stunden seinen gewohnten Gang. Wir schalten einen katalonischen Fernsehsender ein und sehen die Bilder der Proteste. Wir sehen, wie friedlich demonstriert wurde und können kaum glauben, wie viel Gewalt von der spanischen Polizei eingesetzt wurde.

Am Abend laufen wir durch die Straßen. Dann hören wir es. Immer lauter. Es klingt, als würden hunderte kleine trommeln und Glocken aus den Fenstern und von den schmalen Balkonen erklingen. Die Menschen haben Kochtöpfe, Pfannen und Holzlöffel in der Hand und machen gemeinsam Krach. Wir bekommen Gänsehaut. Die Katalanen pfeifen, klatschen und schlagen einen gemeinsamen Tackt. Auch wir stellen uns an Danis Fenster, der jetzt selbst eifrig in den Krach miteinstimmt. Für etwa eine viertel Stunde gibt es nichts als den meditativen Tackt, der sich durch die ganze Stadt zieht. Dani erklärt uns, dass die Menschen seit etwa zwei Wochen jeden Abend um Punkt 22 Uhr an ihren Fenstern stehen und gemeinsam Topfe aufeinander schlagen. Auch am späteren Abend gibt es Kundgebungen und gemeinsame Proteste in der Stadt.

Heute Morgen wachen wir von dem unverkennbaren Klang einer Großdemonstration auf. Robert und ich schlüpfen in unsere Schuhe und laufen zum Rathaus. Dort drängen sich die Menschen um eine Kundgebung und klatschen, singen, schwingen Fahnen oder rufen Parolen. Wir können nicht viele Worte verstehen, aber wir spüren die emotional aufgeladene Atmosphäre und das Wir-Gefühl der Katalanen. Eine junge Frau neben uns beginnt zu weinen. Selbst die Feuerwehrleute, die hier zum Schutz der Demonstranten positioniert sind, schwingen eine riesige Fahne und rufen „Independencia“! Später fahren die Feuerwehrleute mit ihren großen Einsatzfahrzeugen durch die Innenstadt, lassen sich feiern und bilden eine Karavane.

Wir sind Beobachter, wir spüren wie wichtig diese Tage für die Katalanen sind. Wir können sie verstehen, sehen wie unfähig die spanische Regierung reagiert und wie friedlich die Katalanen für ihren Wunsch kämpfen. Andererseits finden wir eine Entwicklung hin zu mehr Grenzen und einem „Wir gegen die Anderen Gefühl“ auf dieser Welt auch nicht gerade erstrebenswert. Dieses Gefühl wird aber auf beiden Seiten immer stärker. In den nächsten Tagen wird sich zeigen, wohin die Streiks und Kundgebungen führen. Das wichtigste für die Menschen hier scheint das Recht auf Wahlen und Demokratie zu sein.

Für Morgen ist ein Generalstreik angeordnet. Robert und ich bleiben noch ein paar Tage hier. Wir sind gespannt.

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