Erste Schritte – Jetzt doch Frankreich

So ist das manchmal. Die letzten Tage haben wir allen erzählt, dass wir in Slowenien oder Italien mit unserer Reise beginnen. Jetzt sitzen wir in Frankreich auf 2000m Höhe und ich werde hier von den ersten Tagen unserer Reise erzählen. Warum denn jetzt doch Frankreich? Wollten wir nicht Richtung Osten los? Die letzten vier Tage hatten wir mit unseren Freunden aus Köln in Frankreich verbracht. Robin und Melina kamen gerade aus Italien und weil die beiden auch gerne Zirkus machen, wollten wir zusammen auf die Straße.

Aber erst einmal von vorn.

Nachdem wir Roberts Umzugskartons von Köln nach Rostock gebracht hatten, einen Abschiedstag mit viel Bier, Zigaretten und Pokerchips in Köln durchgemacht hatten und schlussendlich meinen Krempel nach Freiburg verfrachteten, konnte es endlich losgehen.

Abends um 8 Uhr, nachdem mein Vater uns noch dabei geholfen hatte unsere frisch gedruckten Logos auf das Auto zu kleben, konnten wir es nicht mehr aushalten. Bis zum letzten Moment hatten wir auf unsere verspäteten Pakete gewartet, aber es half ja alles nichts. Wir wollten ENDLICH los. Mit Robin hatten wir am Telefon ausgemacht, dass wir immer weiter Richtung Lyon fahren würden, bis wir uns irgendwann treffen. Robert und ich sausten also los.

Nach einigen Stunden Nachtfahrt über verlassene französische Landstraßen und mehreren fast-Zusammenstößen mit Rehen, Eichhörnchen und Igeln, fuhren wir auf einen kleinen Ziegenhof um von dort am nächsten Tag weiter Richtung Lyon zu kommen. Nachts um 3 Uhr schaufelten wir uns noch eine Portion Tütensuppe rein und fielen dann todmüde ins Bett.

Am nächsten Morgen hörte Robert plötzlich ein zaghaftes „Miau“ im Bus und eine kleine zuckersüße Besucherin versüßte uns den ersten Morgen unserer Reise. Nachdem wir uns von der kleinen Mulle trennen konnten, ging es weiter. Zielort war inzwischen ein Vorort von Grenoble. Trotz weniger Pausen dauerte es eine halbe Ewigkeit, da wir keine Mautgebühren zahlen wollten, für ein Auto, das sowieso nur 80 Kmh im Durchschnitt fährt.

Endlich hatten wir uns gefunden. Robin und Melina waren auch den ganzen Tag im Auto gesessen um aus Imperia in Italien nach Grenoble zu kommen. Und da wir alle vier das Innenleben unserer Autos satt hatten, beschlossen wir kurzerhand 10€ für einen Stellplatz direkt am See zu bezahlen. Für Robert und mich war das in Ordnung. Die letzten Wochen waren unglaublich anstrengend gewesen und wir hatten uns vorgenommen erst einmal ein bisschen Urlaub zu nehmen. Wir verbrachten 2 Tage an diesem schönen Ort, trainierten viel, badeten, kochten und überlegten uns neue Tricks für Straßenshows.

Dann wollten wir es ausprobieren. Straßenzirkus. Wir suchten uns irgendeinen Ort auf der Landkarte der mit „Punkt touristischen Interesses“ markiert worden war. Dieser Ort war Vizille. Nachdem wir auf dem Parkplatz eines Supermarktes gefrühstückt hatten, parkten wir die Autos auf einem wenig vertrauenserweckenden Parkplatz, auf dem uns zu allererst eine Flasche Wodka angeboten wurde.

Mit einem unguten Bauchgefühl überließen wir unsere wehrlosen Gefährte den Gaunern von Vizille. Augen zu und durch. Wir marschierten also in die Innenstadt um unsere erste Straßenshow auf die Beine zu stellen. Dort angekommen wurden wir überrascht von verlassenen Läden, ungepflegten Häusern und einer alles in allem trostlosen Stimmung. Von touristischem Interesse war allein ein Schloss, welches als Museum betitelt wurde. Wir watschelten also im Gänsemarsch durch das Schlosstor, bauten Robins kleine Musikbox im Schlosspark auf und legten los. Eine Gruppe Kinder blieb mit ihren Betreuerinnen vor Robert und Robin stehen, die gerade zu zweit mit Keulen jonglierten. Wir wurden kurz gelobt, dann trottete die Gruppe weiter. Nach einer kleinen Hula Hoop Einlage von Melina und mir war es dann auch schon vorbei. Wir wurden von einem freundlichen Security Mitarbeiter aus den Toren des Schlosses verwiesen. Keine Gauklerei für den König. Keine Goldtaler für uns.
In einem geschmacklosen Brunnen erfrischten wir unsere Füße und beschlossen, uns einen Platz für die Nacht zu suchen. Hauptsache raus aus dieser Stadt. Unsere Autos standen zum Glück noch da und wirkten sogar unberührt. Glück gehabt! Die Platzwahl für den Abend bedurfte einiger Diskussion, aber schlussendlich konnten wir uns einigen. Robert und ich sammelten auf halber Strecke unsere ersten Tramper ein und nach wenigen Kilometern Fahrt war der Spaß auch schon wieder vorbei, als uns einer der Tramper sagte, er wäre eben aus dieser Richtung gekommen und die Straße sei gesperrt. Wir hielten also an und überlegten, was nun zu tun sei. Schlussendlich einigten wir uns darauf, durch ein kleines Dorf zu fahren und uns einen Platz in der Pampas zu suchen. Die Tramper wollten weiter. Mitten im Dorf sprang ich kurzentschlossen aus unserer Granny heraus und fragte eine französische Familie nach einem geeigneten Stellplatz. Die Frau war offenbar ebenso kurz entschlossen, setzte sich, nett wie sie war, in ihr Auto und führte uns über Schotterwege zu einer schönen Wiese auf einem Hügel am Waldrand. Für uns nahm der Tag hier oben dann doch noch ein schönes Ende mit angebratenen Gnocchi und einer wunderbaren Aussicht.

Am nächsten Vormittag ging es dann in Karavane weiter nach Annecy. 6€ für ein paar Kilometer Autobahn. Unglaublich! Wir hatten Fotos von der Innenstadt gesehen und in einem Heftchen gelesen, dass es dort einen umsonst Stellplatz für Wohnmobile in Innenstadtnähe direkt am See gäbe. Als wir dort ankamen war der Stellplatz wie vermutet voll. Nebenan war ein Parkplatz mit einer 2.1m hohen Schranke. Melinas Berlingo namens Ingo passte da natürlich durch. Robert schüttelte nur den Kopf und ich schnappte mir einen Zollstock und nahm Maß an unserer Granny und der Schranke. Auch Robin war dafür es zu versuchen und ein Wohnmobilbesitzer kontrollierte Roberts Schrankendurchfahrt ebenfalls mit Adleraugen. Am Ende wäre sogar noch ein cm Luft gewesen, obwohl unsere Granny laut Pass 2.54m hoch ist. Wir hatten es also geschafft und dieser Schotterparkplatz sollte für die nächsten zwei Tage unser zu Hause sein. Und das wurde er auch. So sehr, dass wir bei unserem französischen Nachbarn duschen durften und Pain aux Chocolat zum Frühstück geschenkt bekamen.

Am Mittag des ersten Tages wollten Robert und ich in der Innenstadt etwas Einkaufen und mit einem Mal waren wir beide so hingerissen von der wunderbaren Atmosphäre dieses Städtchens, dass wir uns spontan dazu entschlossen ein bisschen Zirkus im Park zu machen. Wir wurden nicht weggeschickt und für den 2-Mann-hoch mit Jonglage bekamen wir sogar Gage. Drei Euro. Immerhin! Am Abend kehrten wir mit Robin und Melina zurück in den Park. Diesmal waren wir bewaffnet mit Gitarre, Verstärker und Feuerswinging Utensilien. Und siehe da: 25€ für eine halbe Stunde. Am nächsten Abend waren es dann nur noch 5€, allerdings waren wir auch etwas zu spät dran. Trotzdem. Annecy gab uns in zwei Tagen tolle Einblicke in die Welt der Straßenkünstler und wir lernten andere Künstler kennen, tauschten uns aus und spielten sogar zusammen. An einem Abend trommelte ein Franzose auf seinen Plastikeimern und Töpfen wie ein Wilder zu Robins spanischer Gitarrenmusik und am anderen Abend spielte ein Leuchtpoi-Künstler mit Melinas Feuerpois für uns und die Passanten.

Und dann hieß es verabschieden. Robin und Melina fuhren Richtung Deutschland und Robert und ich sind nun auf dem Weg nach Italien. Für uns geht es jetzt erst richtig los.

Ich blicke über den See in Richtung Italienische Grenze und frage mich, was die nächsten Wochen wohl bringen werden. Wir haben es ausprobiert und wir haben uns getraut, auf der Straße zu spielen. Trotzdem frage ich mich, ob das Geld reichen wird, ob unsere Granny durchhalten wird, ob wir Heimweh bekommen werden. Ich bin gespannt und versuche mehr und mehr einfach den Moment zu genießen und mir keine Gedanken über morgen zu machen.

6 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Hallöle Ihr Zwei,

    es ist großartig was Ihr erlebt habt,erste Schritte ohne große Absicht und Geraldine bleib in diesem lebendigem schreiben.Daraus wird in Eurem Leben ein ganz neuer Abschnitt entstehen.

    Ganz herzlich Diana aus Speyer

    • Vielen Dank liebe Diana! Es war schön dich in Sölden nochmal ein bisschen um uns zu haben. Alles Gute auch für dich!

  2. Wahnsinnig toll geschrieben Geraldine….man wird mitgerissen und sitzt quasi neben euch, hört und sieht euch zu. Wir vermissen euch. Kathleen,Christian und Klein Milo

  3. Da habt ihr ja schon einiges erlebt, ich habe den Blog gerade erst so richtig entdeckt, wusste gar nicht, dass ihr da schon so viel geschrieben habt, echt spannend und super schon geschrieben! Durch die lebhafte Beschreibung fühlt man sich sofort an die Orte von denen ihr schreibt versetzt. Ich wünsche euch viel Spaß und bin schon gespannt auf mehr

    • Danke liebes Schwesterlein und wir sind gespannt auf deine neue Website! Küsse nach Costa Rica auch zu Mauricio und Lola!

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