Stadt, Land, Zirkusmenschen

Die Provence hat uns in ihren Bann gezogen. Ein bisschen traurig waren wir zwar, als wir sehen mussten, dass die Lavendelernte bereits vorbei war, aber neben Lavendel, Seife und Kräutern hat die Provence ja auch noch ein paar bescheidene Spielplätze für Abenteurer zu bieten. Wir hatten uns Castellane und die Verdonschlucht herausgesucht um ein wenig wandern zu gehen, die Seele baumeln zu lassen und die letzten Wochen mit all ihren Höhen und Tiefen noch einmal auf uns wirken zu lassen. Um in einer Schlucht wandern zu gehen, sollte man allerdings eines wissen: Je mehr man entdecken möchte, desto weiter muss man geradeaus gehen. Je weiter man geradeaus geht, desto weiter muss man auch wieder zurück. Am Ende glich diese Wandertour fast schon einem Gewaltmarsch und wir waren völlig erledigt, als wir mit wackeligen Knien und durstigen Kehlen wieder bei unserer Granny ankamen. Immerhin, ein fester Schlaf war vorprogrammiert.

Hier in der Provence hatten wir auch Stefan und Amelie, ein Pärchen aus Düsseldorf kennengelernt. Wir hatten abends zusammen gesessen, Wein getrunken, Sternschnuppen gezählt und einen Fuchs beobachtet, der schon fast tollwutverdächtig nah um uns herumstreunte.

Von Verdon ging es für uns weiter nach Uzes. Unsere Jonglierkeulen wollten schließlich auch wieder einmal etwas erleben. Uzes entpuppte sich als eine wunderschöne Kleinstadt aus terrakottafarbenen Häusern, einer alten Burg und haufenweise Touristen. Wir stellten uns in die kleinen Gassen, jonglierten, machten ein paar Witze mit den Passanten und probierten uns aus. Auf dem Hauptplatz trafen wir dann einen jungen Mann, der an einem Tischchen auf seinem Hocker saß und Gedichte auf einer Schreibmaschine schrieb. Er erzählte uns, die Leute seien sehr schüchtern, aber hin und wieder würde einer der Passanten ein Gedicht kaufen. Wir fanden diese Idee unglaublich kreativ. In der nächsten Seitenstraße sahen wir dann eine junge Frau, die mit einem Akkordeon und wilden Locken französische Lieder sang. Auch das gefiel uns sehr. Zu unserer aller Freude stellten wir dann fest, dass diese beiden Straßenkünstler bereits unsere Nachbarn waren, da unsere Granny unmittelbar neben einem bunt angemalten Wohnmobil geparkt hatte. Wir verbrachten also den ersten Abend mit Oceane und Jamie. Es würden noch weitere folgen.

In der Nacht um halb vier hämmerte eine kleine hysterische Französin von außen an unsere Granny. Es dauerte eine Weile, bis ich richtig wach war und verstand, was diese aufgescheuchte Dame von uns wollte. Am nächsten Morgen sollte ausgerechnet auf diesem Parkplatz ein Flohmarkt stattfinden und wir sollten mit unserer Granny einige Meter zur Seite fahren. Na gut, wenn es sonst nichts ist. Als wir am nächsten Morgen also mitten auf einem Flohmarkt aufwachten, erinnerten wir uns daran, dass wir etwas Schmuck eingepackt hatten und machten unseren eigenen kleinen Stand auf.

Unsere nächste Station war dann einen Tag später Nimes. Unsere neuen Freunde hatten uns einen Parkplatz an der Universität Nimes genannt, auf dem wir umsonst stehen konnten. Sie selbst waren schon da. Als wir ankamen war der Parkplatz allerdings recht voll, schließlich war ja Montag und fleißige Studenten müssen in die Uni. So parkte unsere Granny neben einem anderen alten Mercedes, der rostiger und zusammengeflickter nicht hätte sein können. Gerade wollten wir mit unserem verspäteten Frühstück beginnen, da standen auch schon Joan und Audre mit ihrem kleinen Sohn Paul Gabriel an unserem Bus. Die drei wirkten wie waschechte Gypsies. Joans erste Tat bestand darin, unsere Schiebetür neu einzufetten. Wir schenkten Paul einen Jonglierball. Joan zündete sich einen Joint an und trank seinen vierten oder fünften Whisky an diesem Morgen, dazu redete er unglaublich viel und schnell und lachte eine Menge aus seinem fast zahnlosen Mund. Die beiden (oder zumindest Audre) waren eigentlich nicht viel älter als Robert, aber sie waren vom Leben gezeichnet. Joan war fünf Jahre beim Militär gewesen, hatte den Kosovokrieg miterlebt, war im Libanon und Tschetschenien stationiert gewesen und nun so gebrochen, dass er seinen Weg im Alkohol fand. Er sprach viel vom Krieg und machte uns verständlich, dass er diese Zeit vergessen wolle. Audre und Joan waren seit der Geburt ihres zweijährigen Sohnes zusammen. Sie selbst hatte eine große Narbe im Gesicht und ich traute mich nicht zu fragen, wie diese entstanden war. Trotz Drogen, Alkohol und immer wieder lauter Musik zeigten sich diese Menschen aber von einer sehr herzlichen Seite, stellten eine Shisha in unsere Granny, luden immer mehr Cousins, Verwandte und Freunde ein und so fanden wir uns bald in einem kleinen Gyspielager auf einem Uniparkplatz in Nimes wieder. Ein Cousin spielte auf meiner Gitarre und in der Nacht begannen die rituellen Pokerrunden.

Am Abend trafen wir dann Jamie und Oceane, die uns in ihr buntes Wohnmobil zum Abendessen einluden. Wir waren über ein bisschen Ruhe und ein warmes Essen sehr froh. Gemeinsam beschlossen wir, am nächsten Tag zusammen mit Jamie mit dem Stadtbus zu einer großen Kreuzung zu fahren und dort etwas Geld an der Ampel zu verdienen. Jamie spielt selbst Flowerstick und hält sich ausschließlich mit dem Geld von der Straße über Wasser.
In den zwei Stunden an der Ampel kletterte ich etwa 50 bis 60 Mal auf Roberts Schultern, wir jonglierten zusammen und dann sprang ich mit meinen dünnen Turnschläppchen auf den harten Asphalt um ein paar Taler einzusammeln. Jamie hatte uns an eine dreispurige Ampel in einem Gewerbegebiet gebracht. Zu unserer Verwunderung und Freude hatten wir zuvor noch kein so gutes Publikum an der Ampel gehabt. Die Menschen klatschten, gaben sich Großzügig und lobten uns, wenn sie nichts zu geben hatten. Für uns war es ein wunderbarer, anstrengender Vormittag. Am Nachmittag bastelte ich dann einen Schmuckständer, um unseren Schmuck bei der nächsten Gelegenheit noch besser an die Frau bringen zu können.

Dann ging es weiter nach Montpellier. Jamie, Oceane, eine Schreibmaschine, ein Flowerstick und ein Akkordeon hatten wir ebenfalls in unsere Granny verfrachtet, damit sie in der nächsten Stadt Freunde besuchen, Straßenkunst machen und uns einen guten Stellplatz zeigen konnten. Ein paar Tage später wollten sie per Anhalter nach Nimes zurück.

In Montpellier sahen wir die beiden dann bei Freunden zum letzten Mal, aber Jamie würde gerne in ein paar Wochen nach Köln kommen und so haben wir ihn an unser altes zu Hause verwiesen.

Auch in Montpellier riefen die Ampeln nach uns. Wir fanden eine zweispurige Straße mit recht langer Rotphase in Innenstadtnähe. Meine Füße schmerzten immer noch von den harten Landungen in Nimes, aber diese Arbeit bot im Moment die beste Möglichkeit, um an etwas Kleingeld zu kommen. Unsere Granny hatte mal wieder ein Plätzchen an der Uni gefunden und wir mussten schmunzelnd feststellen, dass wir diese Einrichtung in unserem Leben wohl nur noch aufsuchen würden, um uns Erleichterung zu schaffen.

Und da wären wir dann auch schon beim Thema: Ich habe meine Bachelorarbeit bestanden und mein Zeugnis bekommen. Auch gut, dann wäre das Ding endlich abgehakt!

Es ging weiter. Carcassonne. Seit Uzes wurde diese Reise zu einem kleinen Städtemarathon. Hier am Rande einer historischen Kleinstadt würden wir auf Stephan und Liv treffen, die Robert seit dem Beginn seiner Studienzeit kennt. Während wir auf die beiden warteten, nutzten wir die Zeit, um noch ein wenig die Menschen an der Ampel zu bespaßen. Nach zwei Durchgängen und null Kröten war der Spaß dann für uns vorbei. Zwei Polizisten winkten pfeifend aus einem Streifenwagen zu uns herüber. Na gut, dann haben wir eben Urlaub! In Nimes hatte uns selbst die Polizei gelobt…

Wir fuhren an einen See in der Nähe, genossen eine schnelle, kalte, öffentliche Dusche und gaben Roberts Schultern und meinen Füßen eine wohlverdiente Auszeit. Zusammen mit Stephan und Liv erkundeten wir am nächsten Tag Carcassonne. Wir waren alle vier etwas enttäuscht, da die Highlights dieser Stadt aus glitzernden Plastikschwertern, Plastikrüstungen, Foltermusseen, Fressmeilen und Popcornständen bestanden. Es war eine schöne, viel zu kurze Zeit mit den beiden und beinahe hätten wir den kompletten Biervorrat unserer Freunde, der eigentlich als Mitbringsel reserviert war, an einem Abend vernichtet.

Schon mit Liv und Stephan hatten wir uns über die neuesten Entwicklungen in Katalonien unterhalten. Jetzt wollten wir es selbst sehen. Unsere Berichte aus dieser Stadt findet ihr HIER.

Neben all den politischen Spannungen, die wir auf uns einprasseln ließen, konnten wie auch viel Zirkus machen, Kinder auf der Straße bespaßen und einen kleinen Slackline-Workshop direkt neben einer Großdemonstration geben.

Nach fünf Tagen Girona mit frisch gewaschener Wäsche und einer spannenden Zeit bei Dani und Carla brauchten wir endlich einmal wieder Natur.

Unsere Granny brachte uns in ein kleines Bergdorf im Umland von Girona. Hier wollten wir uns erholen und unsere leicht kränkelnden Nasen mit frischer Bergluft verwöhnen. Satz mit X? Das wird wohl nix! Am nächsten Morgen mussten wir feststellen, dass das Gaspedal wie ein nasser Fisch unter Roberts Bleifuß wegschwabbelte. Wir öffneten die Motorhaube und entfernten den Motorblockabdeckung. Die nächste Werkstatt war 20km weit weg. Der Weg dorthin würde zum Großteil aus Serpentinen und steilen Abhängen bestehen und die blöde ADAC-Mitgliedschaft war natürlich abgelaufen. Robert entdeckte ein abgebrochenes Teil im Motorraum. Ich schnappte mir einen Kabelbinder und schnallte das Ding wieder fest. So provisorisch zusammengeflickt fuhren wir dann zur nächsten Werkstatt. Es funktionierte! Dort angekommen teilte man uns mit, dass da nichts zu machen sei. Das Ersatzteil fehlte und wir sollten doch in eine große Stadt fahren. „Aber so geht’s doch auch. Ist doch perfekt!“, hatte der nette Herr noch gesagt. In der zweiten Werkstatt spielten wir genau dasselbe Spiel. In der dritten Werkstatt hätten wir vier Tage auf das Ersatzteil warten können. Da unser Kabelbinder aber überall auf Lob gestoßen war, machten wir uns kurzerhand keine Umstände und fuhren wieder in die Berge.

5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ach wieder sooooo schön von euch zu lesen! Ihr macht das wirklich super! Bleibt dran und verfolgt weiterhin euren gemeinsamen Traum. Wir freuen uns schon auf die nächsten spannenden Geschichten von eurer Reise. Fühlt euch ganz doll gedrückt. Wir vermissen Euch. Ganz liebe Grüße aus der Heimat Rico Ines und Luki

    • Hallo ihr drei, vielen Dank für die schönen Worte und fürs fleißige Folgen unserer Beiträge :). Fühlt euch auch herzlich gedrückt.

  2. Herzliche Grüße aus Dresden. Auch hier verfolgt man(n) gespannt, welchen Verlauf Eure Reise nimmt. Wir hoffen Eure weitere Reise bringt weiterhin viele neue, interessante Begegnungen – und Euch weiter auf dem Weg zu Euch selbst ( tschuldigung, hier kommt der Yogalehrer durch 😉 ).
    Liebe Grüße. Thomas

    • Namaste Thomas,
      Ich freue mich sehr von dir zu lesen und dass du unsere Reise gespannt mitverfolgst :). Vielleicht führt sie uns ja irgendwann noch nach Dresden. Ganz liebe Grüße nach Dresden, vor allem auch an meine liebe Helga :).

  3. Hallo ihr zwei,

    Eure Beiträge machen ein echt süchtig, ich hoffe euch gehts gut !! Herzlichen Glückwunsch Geraldine!!

    Ganz liebe Grüße Lina

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